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4. Stress ohne Namen

Die Aufnahmen zu "das Leben"verliefen weitestgehend unspektakulär. Jeder nahm seine Strophe auf und die Hook übernahmen wir zusammen. Dabei nutzten wir den Stadioneffekt. Da wir wussten, dass wir nicht die besten Sänger dieser Erde sind, fummelten wir ein wenig an den Spuren herum, bis es sich anhörte, als würde ein kleiner Chor singen. War auch im Endeffekt schlauer, als sich wirklich 20 Leute ins Studio zu holen. Um das Lied zum Ende hin ausklingen zu lassen, wagten wir jedoch ein Experiment. Ich stellte mich einfach mal in die Kabine und sang die Hook nochmal mit ein wenig Schmalz in der Stimme. Damit ging ich natürlich das große Risiko ein, mich völlig zum Fallobst zu machen, aber komischerweise klang das völlig in Ordnung. Und auch live sollte das später ganz gut funktionieren. Natürlich probierten wir sowas noch öfter, aber so richtig hat es irgendwie nicht mehr geklappt. Aster summte dann noch etwas herum und voila, fertig war der 2. Track des Albums.
Als nächstes kam ein Lied, welches, wie ich oft zu sagen pflege, ordentlich Bums hat. Wir wählten diesmal einen Beat mit E-Gitarren und Geigen, das nicht so in diese nachdenkliche Richtung ging. Bei der Themenwahl kamen wir relativ schnell auf einen Nenner. Wir hatten nämlich alle 3 das gleiche Problem. Stress bis zum Herzinfarkt. Denn Aster holte sein Abi nach und ackerte nahezu jeden Tag, um sich Geld dazu zu verdienen. Tame war angekommen im Studienalltag und hockte bis spät Abends in der Uni. Und ich war gerade im Begriff ein Eventmanager zu werden und plante verbissen eine Veranstaltung, in der ich meine Vision von Hip Hop umsetzte. Dieses Album bot für uns also eine Art Gegengewicht und so taten wir einfach, was wir als Musiker am Besten konnten. Wir texteten uns den Frust von der Seele. Ironischerweise hatte ein bekannter und von mir gern gehörter Rapper gerade einen Track mit dem selben Titel, inklusive Video veröffentlicht. So kam die Frage auf, ob das denn nicht Themenklau erster Güte wäre. Wir bemerkten jedoch schnell, dass unser Album noch sehr viel Zeit und Arbeit benötigen würde und bis dahin hätte sich dieses "Biterproblem" längst in Luft aufgelöst. Nachdem die 3 Strophen geschrieben waren, ging es auch schon an die Hook. In der Regel fängt derjenige an diese zu schreiben, der als erster mit seinem Part fertig ist. Diesmal saßen wir jedoch alle drei herum und zermaterten uns den Kopf, wie wir 3 Leute am Besten in eine Hook einbauen konnten, ohne wieder singen zu müssen. Dieses Problem sollten wir noch öfter bewältigen. Ich schrieb also eine Rohfassung und die Kollegen überarbeiteten das Ganze. Als ich den Track das erste mal in der fertigen Version hörte, viel mir sofort auf, dass in meinem Kopf Bilder entstanden. Ich sollte diesbezüglich die beiden noch öfter mit Ideen zu einem Video nerven, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Song perfekt für eine visuelle Umsetzung wäre. Für mich hat er irgendeinen filmischen Vibe. Als wäre er der Soundtrack zu einem Streifen, in dem sich der Protagonist gegen Ende des Films auf ein alles entscheidendes Finale vorbereitet. "Rocky" hat dieses Stilmittel Ende der 70er groß gemacht. Natürlich würde der Song nicht zu einem Hollywood Actionreisser passen, aber einen deutschen Billigstreifen würde er allemal aufwerten. Zu meiner Einschätzung deutscher Filmproduktionen komme ich aber vielleicht noch ein andermal zu sprechen. Nun hatten wir also 3 Lieder und langsam machte sich eine Richtung bemerkbar. Nichts mit Battletracks und Partyliedern. Es sollten Songs werden, mit denen sich alle identifizieren konnten und Themen von denen wir wussten, dass sie uns beschäftigen. Jedoch hatten wir immernoch ein Problem. Der Name.
Wir trafen uns also wieder bei mir und grübelten über einen Bandnamen. Wir zogen sogar ein Wörterbuch zu Rate. Irgendwie hatten wir uns auf etwas lateinisches eingeschossen und schon flog das Wort "Varis" durch den Raum. Dies bedeutet so viel wie kontrastierend. Wir hatten uns in den Kopf gesetzt gegen den Strom zu schwimmen und uns von der Masse abzuheben. Wir bildeten also den Kontrast zu dem ganzen Rap-Einheitsbrei. So weit so gut, aber Varis? Sollte das der Name sein, den wir fortan auf Flyern, Shirts und Stickern drucken würden? Wir waren uns mehr als unschlüssig und verabredeten einfach eine Woche lang mit dem Namen zu leben und zu gucken ob er uns irgendwie zum Hals raushängen würde. Ich fand den Namen gleich scheisse, aber da wir nunmal 3 Leute sind, gilt das Gesetz der Demokratie. Zum Glück kamen wir 3 auf den gleichen Nenner und so sollte uns das Namensthema noch weiter beschäftigen.
Ausserdem waren wir mittlerweile sehr gut miteinander befreundet und uns dreien war klar, dass das "Experiment" klappen würde. Wir trafen uns also nicht nur mehr zum Musik produzieren, sondern verbrachten auch unsere Freizeit zusammen. Somit brauchten wir auch einen Namen der am Besten für ewig funktionieren würde. Schliesslich wollten wir nicht noch ein Borderline, was nach einem Jahr schon um ein drittel der Besetzung gekürzt wurde.
Da wir nun schon zu dritt in geselliger Runde saßen, stellten wir einen groben Plan zusammen, wie das Album aussehen könnte. Nicht vom Inhalt her, sondern von der Konstellation der Rapper auf den einzelnen Songs. Wir bestimmten die etwaige Anzahl an Liedern, wieviele davon von uns dreien sein würden und wieviele nur von zweien. Jeder sollten einen Solotrack bekommen, bei denen wir auch ein Konzept erstellten. Zugegeben, ein sehr sinnfreies, aber wir mochten es anscheinend, allem eine Richtung zu geben. Wir waren drei Rapper, also bekam jeder von uns eine Zahl von 1-3, um die sich der jeweilige Solosong zu drehen hat. Ich wählte die 3, da ich schon einen Solotrack im Kopf hatte und da war die 3 mehr als leicht einzubauen. Dass wir das Ganze nicht bis zum Ende durchzogen, lag warscheinlich daran, dass wir es vergessen haben. Was den Schluss nahebringen könnte, dass es uns einfach nichtmehr interessierte. Die 3 sollte trotzdem in meinen Track einfliessen, wurde jedoch nie von einer 1 und 2 der anderen begleitet. Ich hoffe das kratzt nicht an ihrem Selbstwertgefühl. Ausserdem widmeten wir uns noch einem neuen Beat, welcher die Richtung von Stress noch einmal weitergehen sollte. Darüber aber nächstes mal mehr und auch auf die 3 werde ich näher eingehen.
21.3.14 08:39
 


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